Kognitive Typologie
Dozent: Prof. Wolfgang Schulze
Institut für Allgemeine und Typologische
Sprachwissenschaft
Ludwig-Maximilian-Universität München
Interaktion Kognition <> Umwelt:
Phylogenese
Struktur
Umwelt
Neuronales
Netz
Sensorik
k(Umwelt)
Prozess
Assimilation
Akkommodation
Traditionelle Inbeziehungsetzung
Sprache <> Kognition
Kognition
Sprache
Umwelt
Im Detail (Interaktion zentraler
Bereich der Kognition <> Sprache):
Umwelt
Neuronales
Netz
Sensorik
k(Umwelt)
Sprache
Top-down (Anti-Whorf)
Bottom-up (Whorf)
Explanationsebenen der Sprache
(traditionell und kumuliert):
Kommunikation
synchrone Strukur
‚Kultur‘
diachrone Strukur
Kognition
funktional
Sprache
(L)
formal
Kognitives
Paradigma
Language
of Thought
(LoT)
Universal
Grammar
(UG)
Optimality
Theory
(OT)
Verankerung Kognitiver Typologie
• Universal Grammar
• Funktion direkt: L = f(Kog) oder Kog = f(L)
• Funktion indirekt: zwischem Sprache und
Kognition steht vermittelnde Größe wie
Kommunikation, Kultur etc.
Vermittlung zwischen Sprache und Kognition
Kognition
Kommunikation
Kognition
Kultur
Kommunikation
Kultur
Sprache
Sprache
Top-down
(Sprache wird
beeinflusst)
Bottom-up
(Kognition wird
beeinflusst; mehr oder
weniger stark)
Geschichte des Terminus
„Kognitive Typologie“
• 1989 wahrscheinlich erstmals erwähnt, parallel in:
o
o
Lakoff, George: „The Invariance Hypothesis: Do Metaphors
Preserve Cognitive Typology?” In: Series A, Paper No. 2666,143
Konstantinov, Yulian: Cognitive Typology and the Nature of the
Linguistic Sign. Sofia: St. Kliment Ohridski
• 1995 erneute Erwähnung (Konferenzankündigung zum
Workshop on Metonymics, Uni Hamburg)
• schließlich allmähliche Etablierung als eigene Disziplin,
als Spezialgebietsangabe z.B. bei David Zubin (Uni
Buffalo) und später Olga Fjodorova (Uni Moskau).
Geschichte des Terminus
„Kognitive Typologie“
•
1993 Erwähnung in anderem Kontext (Modellierung von
Handlungsverläufen):
Hoc, Jean-Michel: „Some dimensions of a cognitive typology of process and controll“.
In: Ergonomics 36/11
•
1995 ähnlicher Kontext auf der Fourth International Conference on
Computer-Aided Design and Computer Graphics (Wuhan, China). Beitrag
ohne Autor:
„Some dimensions of cognitive typology of computer aided design“
•
1996 ähnlicher Kontext auf der Eighth European Conference on Cognitive
Ergonomics (Uni Granada). Beitrag:
Détienne, Françoise, Jean-François Rouet, Jean-Marie Burkhardt, Catharine
Deleuze-Dordon: „Reusing processes and documenting processes: toward an
integrated framework”.
Auszug aus der Zusammenfassung: „This paper presents a cognitive
typology of reuse processes, and a cognitive typology of documenting
processes”. Es gehe um „design with reuse and software documenting”,
„cognitive models of design”, „cycles of planning, writing and revising”
Voraussetzungen
Kognitiver Typologie
• Gruppierung vergleichbarer Phänomene
• Hierzu nötig: tertium comparationis als
Semantik der Variable
• Findung des tertium comparationis:
empirische Entdeckung (induktiv)
o theoretische Postulierung (deduktiv)
Zentrale Frage: Wie unterscheiden sich
o
gruppierte Phänomene in der Ausprägung
der tertium-comparationis-Variable?
Prinzip des typologischen Vergleichs
tertium
comparationis
TC1
Phänomen 1
TC2
Phänomen 2
Typologische Distanz (TD)
TC3
Phänomen 3
TC4
Phänomen 4
Anwendung auf Bereich Sprache
• Gruppierung sprachlicher Phänomene
• Linguistische Typologie setzt sprachliche
Varianz voraus (TC!), und zwar
o
o
Varianz zwischen Sprachen oder
Varianz innerhalb einer Sprache
• Untersuchung von:
o
o
o
Distanz zwischen Phänomenen/Sprachen
jeweiligem Ausprägungsgrad des tertium
comparationis
Inhalt des TC
Typologischer Vergleich zwischen und innerhalb von Sprachen
tertium
comparationis
Sprache 2
Sprache 1
TC1
TC2
Typologische Distanz
zwischen Sprachen
TC1a
Phänomen 1
TC1b
Phänomen 2
TC2a
Phänomen 3
Typologische Distanz
innerhalb von Sprachen
TC2b
Phänomen 4
Vergleich als Konstruktion
• Der typologische Vergleich ist ein
kognitiver Akt, der Ähnlichkeit zwischen
Phänomenen konstruiert
• Die Definition eines TC und seiner
Merkmale konstruiert Gruppen
vergleichbarer Phänomene
Folge: Keine Typologie ohne
Charakterisierung des TC!
Erkenntnistheoretischer
Status des TC
• Option 1: Immanent
o
o
o
o
Phänomene teilen gewisse Merkmale
Anhand dieser Merkmale werden sie
vergleichbar
TC emergiert über der Menge der
gemeinsamen Merkmale
Typologischer Raum als Summe der
individuellen Distanzen zum TC
Immanentes TC
TC
Familienähnlichkeit
TC als struktureller
als Gruppierungsfaktor
Raum
Defaultsetzung
A) Quantitativ: Default ist das Objekt, das die meisten geteilten Merkmale enthält.
B) Qualitativ: Default ist das Objekt, das die koparadigmatisierten Objekte bedingt.
Immanenter qualitativer Default ist Erklärungsbasis für Varianz!
Bedingung kann verschiedener Art sein (funktional, diachron, systematisch…).
Diese Art der Bedingung ist in der Regel nicht umkehrbar.
Erkenntnistheoretischer
Status des TC
• Option 2: Transzendent
o
o
o
o
TC wird deduziert oder aus Empirie der immanenten
Typologie abgeleitet, ist jedoch nicht im Paradigma
gegenwärtig
Annahme eines unterliegenden sujet, das die
Mitglieder eines Paradigmas vereint
Varianz auf der Beobachtungsebene ist entweder
zurückzuführen auf Varianz im Sujet (mit direkter,
ikonischer Abbildung) oder auf Varianz in dessen
Ausprägung
Zentrale Frage: Ist Sujet (= Kognition) tatsächlich
transzendent, oder besteht ein immanentes Verhältnis
zu den Phänomenen (= Sprache)?
Antwerpen-Einladung
und die Definition Kognitiver Typologie
The purpose of this conference
Konferenz hat Zweck
is to bring together researchers
Zuwegebringen von Kommunikation
from the field of linguistics typology and
1. Bereich (field): Linguistische Typologie
from the domain of cognitive approaches to
language (broadly defined)
2. Bereich (domain): Kognitive Typologie
to reflect on
Theorieorientiert?
how the typological and the cognitive
enterprises in language
Forschungsparadigmen
interrelate
Schnittstellen
what they have to offer each other and/or
Komplementär?
how they can join forces
Synergie
in view of their shared goal of
Gemeinsames Ziel postuliert:
achieving an explanatory account of
language.
Erklärung von Sprache
Beispiele für immanentes TC
A) Substantiell. Z.B. Sprachen mit Ejektiven:
I
p’
t’
k’
II
c’
f’
s’
III
č’
l’
gemeinsames Merkmal/TC = [+Glottisverschluss]
Typologische Distanz (TD) = restliche Merkmale
Beispiele für immanentes TC
B) Kategoriell. Z.B. Sprachen mit Instrumental:
INST
INST + COM
INST + ERG
INST + COM + ERG
gemeinsames Merkmal/TC = INST
TD = COM/ERG
Beispiele für immanentes TC
C) Strukturell. Z.B. Architektur der Personalpronomina:
I
SG
DU
PL
II
SG
DU
PL
III
1
1
1
2
2
2
3
3
3
SG
gemeinsames Merkmal/TC = Struktur der SG-Spalte
TD = Struktur der übrigen Spalten
DU
PL
Beispiele für immanentes TC
D) Familienähnlichkeiten. Z.B. Kasussysteme:
I
II
III
IV
NOM
+
ACC
+
ACC
LOC
+
LOC
ABL
ABL
Kein allen Objekten gemeinsames Merkmal
+
GEN
Beispiele für Defaultsetzung
A) Quantitativ: 70% aller Sprachen haben Kasussystem >
Kasussystem ist Default.
100% aller Sprachen haben Laute >
Laut ist (insignifikanter) Default.
B) Qualitativ: Deixis ist Default, weil es eine Reihe anderer
Phänomene bedingt.
Deixis > Pronomen > Klitisierung > Personalflexion
Deixis > Lokalisierung > Kasus
Deixis > Anaphorese > Topik
Beispiele für transzendentes TC
A) Varianz im Sujet, z.B. kommunikativer Habitus:
Kommunikativer Habitus
Habitus 1
Habitus 1
Sujet
Ikonische
Abbildung
Stil 1
Sprache
Stil 2
Beispiele für transzendentes TC
B) Varianz in der Ausprägung, z.B. Lokalisierung:
Embodiment: Rücken
Sujet
(Kognition)
Postessiv
Sprache
Reventiv
TC und Kognitive Typologie
• Kognitive Typologie lässt grundsätzlich
beide Arten von TC zu.
• Immanentes TC: Phänomene selbst sind
in der Kognition anzusiedeln
• Schwierig, da Sprache nicht mit Kognition
gleichzusetzen!
• Möglich: Vergleich großere Anzahl von
Phänomenen, daraus Induktion von
Kognition
TC und Kognitive Typologie
• Transzendentes TC: Kognition ist eines unter
vielen Sujets, die Sprache erklären können
• Andere Sujets z.B. Kommunikation, Funktion,
Sprachwandel, Sprachzustand, taxonomisches
Sprachinventar…
• Option: Kognition ist das grundlegendste Sujet
• Stellung der Kognition innerhalb der Vielfalt von
Sujets ist immer zu begründen (empirisch oder
deduktiv)!
Andere Typologien und ihre TC
• Kommunikative Typologie:
Kommunikationsaspekte
• Funktionale Typologie:
Funktionen
• Diachrone Typologie:
Sprachwandel
• Synchrone Typologie:
Sprachzustand
• Formale Typologie:
Sprachinventar (taxonomisch)
• …
TC und Kognitive Typologie
Kognition als zentrales Sujet
Sprachzustand
Kommunikation
Kognition
Sprachwandel
Form
Funktion
TC und Kognitive Typologie
Kognition als gleichgestelltes Sujet
Kommunikation
Kognition
Sprache
Sprachwandel
Form
Funktion
Linguistische Disziplinen in der
Kognitiven Typologie
• Ist eine der klassischen Unterdisziplinen stärker zu
beachten als andere? Jeweilige Verknüpfung:
• Semantik > Konzeptualisierung > Kategorisierung
• Syntax: MIT oder Construction Grammar bzw. Cognitive
Grammar à la Langacker
• Morphologie:
o
o
o
Kognitive Motivation für Architekturen
Kognitive Motivation für Kategorisierung
Kognitive Motivation für Morphosemantik und
Grammatikalisierung
• Phonologie: OT-basierte Hypothesen, aber auch MIT
Überblick zur International Conference on Cognitive
Typology (Uni Antwerpen, 12.04. – 14.04. 2000)
•
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Balthasar Bickel, On the mutual integration of referents and events: Syntactic
typology and cognitive effects
Jürgen Broschart, Word class typology and the mathematics of prototype formation
Mary Carroll, Typology and information organization
Michael Cysouw, Who is who? The division of person space in pronominal paradigms
Michael Daniel, The associative approach to plural pronouns (with special reference
to 'strange inclusives')
Nina Dobrushina, Towards a typology of manipulative speech acts
Olga V. Fedorova, The discourse function of demonstratives in Tsakhur
Gertraud Fenk-Oczlon, Cognitive economy - cognitive typology
Elena Filimonova, Nature, culture, and compromise: Person hierarchy as a cognitive
parameter
Zygmunt Frajzyngier, A methodology for the typology of functional domains in
language
Mirjam Fried, The role of affectedness in grammatical patterning
Dylan Glynn, She'll fall for sure: The parameters of possibility in the aspect of
European love
Kaoru Horie, Cognitive foundations of cross-linguistically variable form-meaning
mapping: A case study from Japanese and Korean
Überblick zur International Conference on Cognitive
Typology (Uni Antwerpen, 12.04. – 14.04. 2000)
•
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Harry Howard, A neuromimetic synchronization account of the distinguishability
universal, with illustration from Spanish
Elena Kalinina, Motivation for copula presence with nominal predicates
Kuniyoshi Kataoka, Deixis and 'world order' in English and Japanese speakers'
spatial descriptions
Gilbert Lazard, Two-level relationships between language typology and cognitive
linguistics
Dianyu Li, A cognitive account of Mandarin 'BA' in resultative and 'take-serial'
constructions
Ekaterina Lioutikova, Compound reflexives: A cognitive-typological approach
Juana I. Marín-Arrese, On thematic-subject constructions in English and Spanish: A
cognitive perspective
Wataru Nakamura, Markedness, syncretism, and case theory
John Newman, An experientially-grounded typology of posture verbs
Toshio Ohori, Irene Kimbara, Ruetaivan Kessakul, and Kozue Takubo, Discourse
framing of motion events: Some typological implications
Krista Ojutkangas, Conceptualization models and the grammaticalization of body-part
nouns: An example from the Finnic languages
Sally Rice, A cognitively based description of Athapaskan lexicalization: Preliminaries
to a typology
Überblick zur International Conference on Cognitive
Typology (Uni Antwerpen, 12.04. – 14.04. 2000)
•
•
•
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•
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Wolfgang Schulze, The cognitive dimension of clausal organization in Udi
Robin Setton, (Simultaneous) translation as a window on cognitive typology
Anna Siewierska & Dik Bakker, Person asymmetries in the grammaticalization of
agreement
Valery Solovyev, Typology of the cognitive mechanisms of marking
Leon Stassen, Typology as a reductionist method
Christiane v. Stutterheim, Language specific differences in event construction
Urmas Sutrop, Basic terms, list task, and a cognitive salience index
Sergei Tatevosov, Aspectual asymmetry in the epistemic use of modals expressing
possibility: Evidence from Russian
Marina Tchoumakina, The semantic map of adverbial clause encoding
Linda L. Thornburg & Klaus-Uwe Panther, Conceptual metonymies across languages
Svetlana Toldova, The cognitive approach to long-distance anaphora in Daghestanian
languages
Satoshi Uehara, The speaker's roles in a cross-linguistic perspective: Toward a
typology of linguistic subjectivity
Linguistische Disziplinen
in der Kognitiven Typologie
•
•
•
Konzeptualisierung
und lexikalische
Repräsentation
Typologie der
Metapher/Metonymie
Typologie des
blending
•
•
Semantik
Diskursanalyse
•
Kognitive
•
•
•
Syntax >
Morphosyntax >
Konstruktionen
Morphosemantik und
Grammatikalisierung;
Ereignisstrukturen
Paradigmatik
Grammatik
•
Phonologie
•
•
•
•
Kognitive Typologie verschafft
Unterdisziplinen der Kognitiven Linguistik
Zugang zur Typologie
Kognitive Pragmatik (MIT)
(S)DRT - (Segmented)
Discourse Representation Theory
Diskurs und Wissen
(textuell, episodisch,
enzyklopädisch >
Semantik)
Cognition-based
conversation analysis
Paradigmatisierung
Oppositionsbildung
Regelbasierte Phonologie
Lexikalische Phonologie
(> Optimalitätstheorie)
Linguistische Disziplinen
in der Kognitiven Typologie
• Grundfrage der Kognitionswissenschaft nach Lakoff (1987:11):
„Cognitive science is a new field that brings together what is known about the mind
from many academic disciplines […]. It seeks detailed answers to such questions as:
What is reason?
How do we make sense of our experience?
What is a conceptual system and how is it organized?“
• Also in der Linguistik: Wie gibt der Mensch der Welt Bedeutung?
Wie spiegelt sich dieser Zuweisungsprozess in Sprache wieder?
• Experiental realism: Mentales System (‚Gehirn‘) organisiert
Erfahrungen seiner Interaktion mit der Umwelt
 Folge: Primat der Semantik: Konzeptualisierung > Semantik >
Lexikalisierung (> Grammatikalisierung)
Primat der Semantik: Ein Beispiel
• Körper- und Körperteil-Konzepte häufig source
domain für tiefgreifende Metaphern
• Zunächst in Einzelsprachen belegt (z.B. bei
Lakoff)
• Dann Ableitung von Schemata des Embodiment
> TC für ähnlich funktionierende Systeme
<FIRST>
<HEAD>
<CHIEF>
<ABOVE>
<MORE>
Unterbereiche der KogTyp
1. Source-Target-Typologie
• Welche source domains (SD) werden
verwendet, welche target domains (TD) sind
betroffen?
• Betrachtung bestimmter SDs: Welche TDs
können sie bezeichnen?
• Betrachtung bestimmter TDs: Durch welche SDs
können sie bezeichnet werden?
• Wie sind SDs und TDs taxonomisch
eingebettet?
Unterbereiche der KogTyp
2. Schematisierung
link
container
center : periphery
contact
part : whole
up : down
source : path : goal
Unterbereiche der KogTyp
2. Schematisierung
• Wie stark sind bestimmte Schemata in Sprache
ausgeprägt?
• Gibt es direkte (ikonische?) Repräsentationen
(directly-meaningful symbols bei Lakoff)?
• In welchem Umfang greift Sprachsystem in
Grammatikalisierung auf (welche) Schemata zu?
• Wie interagieren die Schemata in typologischer
Hinsicht?
Unterbereiche der KogTyp
3. Kategorisierung
aristotelisch
fuzzy
prototypisch
Familienähnlichkeit
generisch
radial
Unterbereiche der KogTyp
3. Kategorisierung
• Wie stark ist bestimmte
Kategorisierungsstrategie sprachlich
repräsentiert?
• Welche Mittel werden eingesetzt?
• Welche Prinzipien der Generierung
bestimmter Kategorientypen sind
sprachspezifisch (Radialität!), welche
universell (Prototypen?)?
Unterbereiche der KogTyp
4. Hierarchisierung
•
•
•
•
•
Lexikalisch repräsentierte Hierarchien
Grammatisch repräsentierte Hierarchien
Strukturell repräsentierte Hierarchien
Taxonomie von Hierarchien
Typologie der Hierarchiesegmente
(Subkategorisierung)
Zusammenfassung zur Sondierung
der Kognitiven Typologie
• KogTyp bevorzugt transzendentes TC (= Kognition)
• Typologischer Raum ergibt sich u.a. aus
o
o
o
verschiedenen Mustern der Wahrnehmung und sprachlicher Gestaltung
verschiedenartiger Ausprägung von basic experimental structures
(Lakoff)
verschieden starkem Ausprägungsgrad kognitiver Größen in Sprache
• Sprachen nehmen Partikularisierung basaler (universeller?)
kognitiver Routinen vor
• KogTyp verschafft Unterdisziplinen der KogLing Zugang zur
Typologie; zentrale Unterdisziplin ist wie dort Semantik
• Unterbereiche der KogTyp sind:
o
o
o
o
Typologie von Source-Target
Schematisierung
Kategorisierung
Hierarchisierung
Theoretische Grundlagen:
Metapher und Metonymie
• Ausgangspunkt: Sprache als metaphorisches
Wissenssystem (wobei hier Metapher ⊃ Metonymie)
• Metapher: Referenz auf ‚Objekt‘ (TD) erfolgt unter
Zugriff auf kognitiv direktere Repräsentation eines
anderen Objektes (SD), das diesem ähnlich ist.
Alternativ: Element einer Kategorie (TD) wird referiert
durch Kategorienname (SD).
• Metonymie: Referenz auf Objekt (TD) erfolgt unter
Zugriff auf Repräsentation eines mit diesem in einer
kategoriellen Einheit stehenden anderen Objekts.
Alternativ: Kategorie als Kategorienname (TD) referiert
durch Element (SD).
Theoretische Grundlagen:
Metapher und Metonymie
• Ähnlichkeit (Metapher) und Einheit (Metonymie) können aufgrund
verschiedener Faktoren konstruiert werden:
o Kognition (ikonisch), z.B.
Rücken > zurück
Bild > Vorstellung
o Erfahrung (experimental), z.B.
Herbst des Lebens
Tempo > Taschentuch
o Konvention (symbolisch), z.B.
Die Welt des Buches
kluger Kopf > kluger Mensch
o Idiosynkrasie (poetisch), z.B.
Fenster feinden (Jakob von Hoddis)
Zopf > Mensch
Theoretische Grundlagen:
Dinge und Namen
• „Ein Mann fragte, als er einem Gespräch von Studenten über die
Gestirne zuhörte: Ich verstehe, daß es den Menschen mit Hilfe aller
möglichen Geräte gelungen ist, die Entfernung zwischen der Erde
und den (...) Sternen zu messen (...). Aber ich möchte gern wissen,
wie man nur die Namen der Sterne erfahren hat?“ (Wilhelm von
Humboldt, nach Vygotskij 1969:308).
• D.h.: Das Ding an sich sowie Beziehungen zwischen Dingen haben
keine Namen. Folglich ist es nicht möglich, über die Dinge selbst zu
sprechen:
• „Wir glauben etwas von den Dingen selbst zu wissen, wenn wir von
Bäumen, Farben, Schnee und Blumen reden, und besitzen doch
Nichts als Metaphern der Dinge, die den ursprünglichen
Wesenheiten ganz und gar nicht entsprechen.“ (Friedrich Nietzsche:
Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne (1872/3), 1(v))
Theoretische Grundlagen:
Altes und neues Wissen
• „Wenn du etwas weißt, kannst du es nicht lernen; wenn du es nicht
weißt, kannst du es auch nicht lernen, weil du nicht weißt, was du
lernen sollst.“ (Menon-Paradoxon)
• „Even those transcendent parts of new knowledge cannot be
completely unrelated to old knowledge, for otherwise they could
never be grasped, at least by human beings” (Miller 1987)
• D.h.: Die Verarbeitung von Umwelterfahrungen kann nur unter
Zugriff auf bereits gemachte Erfahrungen und deren kognitive
Repräsentation erfolgen.
• Formaler: Die konstruierende Reaktion auf einen Umweltreiz
(urα) erfolgt über die simultane Aktivierung von Analogien im
Gedächtnis (urμ). Das Neue ist eine gradierte Varianz des Alten.
 So auch für die Sprache: Die sprachliche Repräsentation einer
Umwelterfahrung (‚Objekt’) kann nur unter Zugriff auf bereits
vorhandene Repräsentationen erfolgen
Theoretische Grundlagen:
Altes und neues Wissen
• „ποταμοῖς τοῖς αὐτοῖς ἐμβαίνομέν τε καὶ οὐκ
ἐμβαίνομεν“ – „In die selben Flüsse steigen wir und
steigen wir nicht“ (Heraklit)
• D.h.: Das gegenwärtig Wahrgenommene ist nie
dasselbe wie früher Erfahrenes. Der Zusammenhang
zwischen den beiden Repräsentationsformen konstruiert
sich u.a. aus:
o
o
o
o
Gestaltähnlichkeitsvermutung
Qualitativer Ähnlichkeitsvermutung
Quantitativer Ähnlichkeitsvermutung
Situativer Analogie
• Verbindung zur Metapher: Die Repräsentation einer
aktuellen Erfahrung ist die Metapher früherer
Erfahrungen
Theoretische Grundlagen:
Metapher und Arbitrarität
• Arbitrarität kann sich nicht nur auf überzeitliche
Assoziation von signifiant und signifié beziehen, sondern
auch auf Assoziation in konkreten Einzelfällen
• Metapherntheorie verneint letztere Art der Arbitrarität, da
signfifiant (SD) und signifié (TD) auf Grundlage früherer
Erfahrungen, also nicht-arbiträr assoziiert werden
• Die Abbildung eines Objekts (TD) erfolgt dabei über die
lexikalische Repräsentation der Eigenschaften eines
anderen Objekts (SD), gekreuzt mit den spezifischen
Eigenschaften der metaphorischen Extension:
(O2)  (ψ(O1))  φ(O2)
 Also: In einer Metapher ist die Semantik der
metaphorischen Basis (gradiert) enthalten.
Theoretische Grundlagen:
Funktion von Metaphorisierung
• Funktion der Metaphorisierung: Verarbeitung
unendlich varianter Erfahrung über ‚reduziertes‘
System der Repräsentation
• Beachte aber: Reduktion ist nicht gesetzt,
sondern Ergebnis der Konfrontation mit der
Varianz der Erfahrung.
• Also nicht: Weil Sprache endlich ist, muss sie
metaphorisch auf die Unendlichkeit der Objekte
reagieren,
• Sondern: Weil die Unendlichkeit der Objekte nur
endlich verarbeitet werden kann, müssen sie
metaphorisch repräsentiert werden.
Theoretische Grundlagen:
Die metaphorische Basis
• Wenn Sprache metaphorisch basiert ist, gibt es eine Art Basislevel,
das als SD für sprachliche Strukturen dient?
• Wenn ja, ist diese Ebene sprachlich oder vorsprachlich?
• Wenn alle sprachlichen Strukturen aus dem repräsentationellen
Bereich metaphorisch begründet sind, kann die Basis selbst nur
vorsprachlich sein!
• These: Kognition basiert auf einer sehr kleinen Zahl von basalen
SDs, die in der Wahrnehmung und Erfahrung von Welt aktiviert
werden.
• Diese SDs werden durch ihre Verwendung in der Interaktion mit
Welt angereichert. So können weitere, sekundäre SDs entstehen.
• Eine extrem wichtige basale SD ist der menschliche Körper. Seine
physiologische und funktionale Architektur sind Ausgangspunkt für
zahlreiche Metaphern (> embodiment).
• Beispiel: Bewegungserfahrung metaphorisiert auf Basis der
Relevanz der Eigenbewegung
Theoretische Grundlagen:
Zusammenfassung
•
•
•
•
•
•
•
Es nicht möglich, über Dinge zu sprechen, sondern nur über Repräsentationen
von Dingen.
Weil die Dinge unendlich vielfältig sind, ist keine Wahrnehmung jemals identisch
mit früheren Wahrnehmungen. Die Möglichkeiten der Repräsentation sind aber
eingeschränkt, so dass es nötig wird, das Aktuelle zu reduzieren.
Das Mittel hierfür ist die Metapher. Das Aktuelle wird als Metapher des Früheren
konstruiert. Je weniger spezifisch eine Metapher auf Welt(erfahrung) reagiert,
desto umfassender ist sie einsetzbar.
Die Basierung neuen auf altem Wissen setzt ein anfängliches, vorsprachliches
Basisinventar von SDs voraus.
These ist, dass dieses Basisinventar klein ist und dass der menschliche Körper
über embodiment wesentlichen Anteil daran hat.
Anreicherung des Basisinventars durch Erfahrung kann zur Bildung sekundärer
SDs führen. Dennoch enthält jede TD gradiert Semantik ihrer SD.
Varianz in den Sprachen der Welt entsteht durch Unterschiede in:
o
o
o
Metaphorisierungswegen
Einsatz von SDs
Grad der Aktivität von SDs
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Ansatz I:
Kognition gestaltet Umwelt
Ansatz II:
Umwelt gestaltet Kognition
Ansatz III:
Umwelt gestaltet sich in Kognition
Ansatz IV: Neurophysiologie der
Sensorik gestaltet Umwelterfahrung
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Ansatz 1: Kognition gestaltet Umwelt
• Primat des knower und seiner mentalen Prozesse
• Welt ist prinzipiell unzugänglich und nur als
gedächtnisbasiertes Konstrukt erfahrbar (daher auch
„memory based theories“)
• Akkommodation von Welt erfolgt über stetige
Erweiterung des Gedächtnisses (‚Scharfstellung‘)
• Schemata sind Teil des Verarbeitungsmodus von
Erfahrungen (cognitive experimentalism)
• Schemata resultieren dabei entweder aus Scharfstellung
oder sind (nativistische Lesart) Teil eines angeborenen
Inventars, das im Lauf der Evolution entstanden ist
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Ansatz 1: Kognition gestaltet Umwelt
• Bei Annahme von Scharfstellung: Schemata emergieren aus
zunehmender Menge von als ähnlich konstruierten
Umwelterfahrungen (‚Kondensierung‘ von Erfahrung in
Schemata). Sie sind die kognitive Verkörperung von
Erfahrung.
• Erfahrung und Schemata bauen rekursiv aufeinander auf
• Schemabildung abhängig von Vorgaben der
Speicherarchitektur: basale Bahnungen entsprechen basalen
Schematisierungen, zunähmende Komplexität der
Verbindungen ermöglicht zunehmende Komplexität
(Metaphorisierung) der Schemata
• Kopplung von Kognition und Körper zwingt die Kognition zur
Schematisierung von Erfahrungen nach Maßgaben der
Körpererfahrung > embodiment. Der Körper ‚spricht’, wie das
Individuum denkt (schematische Gestik, Mimik,
Körperhaltung…)
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Ansatz 2: Umwelt gestaltet Kognition
• = vulgärer Whorfismus/vulgärer Objektivismus
• Primat der Welt als object of knowledge und
subject of becoming known; Welt hat eigene
Struktur
• Kognition als tabula rasa, die von der Struktur
der Welt geprägt wird; mentale Prozesse adaptiv
• Schemata als erfahrungsbasierte Abbildungen
der Welt
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Ansatz 3: Umwelt gestaltet sich in Kognition
•
ecological psychology, information pickup theories
•
Welt und Kognition stehen auf gleicher Höhe: Umwelt prägt das Wissen des
Individuums, Individuum bringt Wissen in die Welt ein. Synergetischer
Dualismus Animatum (aktiver Organismus) : Umwelt
Animatum (d.h. auch Mensch) erfährt Umwelt, indem es sich in ihr bewegt und
verhält. Kognition ist Epiphänomen des sich bewegenden Körpers.
Perzeption erfolgt auf der Grundlage von Körperfunktion und –position
(Propriozeption) > ‚objektive Relativität‘ der Raumerfahrung. Gestalt ist keine
Qualität eines Objekts, sondern Ausdruck der (animaten) Zugangsart zu ihm.
Bewegung und Perzeption bezwecken sich gegenseitig:
•
•
•
„(...) directed behaviors of animals comprise continuous cyclic relations between
the detection of information and the performatory and exploratory activities that
serve, in significant part, to facilitate that detection and which, in turn, are
guided and shaped by it“. (Swenson & Turvey 1991:319)
> Perception-Action Cycle (PAC): Perzeption garantiert Energiegewinnung
garantiert Perzeption.
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Ansatz 3: Umwelt gestaltet sich in Kognition
• Ausgangspunkt: James Gibsons Trainingsprogramme für Piloten
und Autofahrer während 2. Weltkrieg: Invariante Umwelt lenkt
Perzeption; Orientierung nach außen anstatt an
vestibulärer/kinästhetischer Sensorik
• Gesamter Ansatz stark an naturwissenschaftlichen Methoden
orientiert (law-based).
• Chronologisch sortierte Literaturauswahl:
o
o
o
o
Gibson, James J. 1966: The Senses Considered as Perceptual
Systems. Boston: Houghton Mifflin.
Neisser, U. 1976. Cognition and Reality. San Francisco: W.H. Freeman.
Gibson, James J. 1977: „The theory of affordances.” In R. Shaw & J.
Bransford (Hrsg.). Perceiving, Acting and Knowing. Hillsdale, NJ:
Erlbaum.
Gibson, James J. 1979: The Ecological Approach to Visual Perception.
Boston: Houghton Mifflin.
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Ansatz 3: Umwelt gestaltet sich in Kognition
•
Literaturauswahl (Fortsetzung):
o
o
o
o
o
•
Turvey, M., & Carello, C. 1981: „Cognition: The view from ecological realism”.
Cognition 10: 313-321.
Turvey, M. T., & Shaw, R. E. 1979. „The primacy of perceiving: An ecological
reformulation of perception for understanding memory”. In: L. G. Nilsson (Hrsg.).
Perspectives on memory research: Essays in honor of Uppsala University's
500th anniversary, 167-222. Hillsdale, NJ: Erlbaum.
Turvey, M. T., Shaw, R. E., Reed, E., & Mace, W. 1981. „Ecological laws of
perceiving and acting: In reply to Fodor and Pylyshyn (1981)”. Cognition 9:23 7304.
Lombardo, T. 1986. The reciprocity of perceiver and environment. Hillsdale, NJ:
Erlbaum.
Rod Swenson & Michael Turvey 1991. „Thermodynamic Reasons for PerceptionAction Cycles”. Ecological Psychology 3(4):317-348.
Frühe Ansätze:
o
o
Vernadsky, Vladimir I. 1924: La géochémie. Paris: Alcan
Vernadsky, Vladimir I. 1929: La biosphère. Paris: Alcan
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Ansatz 3: Umwelt gestaltet sich in Kognition
•
PAC beinhaltet die effiziente Nutzung bereits gewonnener Energie: je
weniger Eigenenergie eingesetzt werden muss bzw. je mehr Energie
resultiert, desto bessser
•
Ziel der Reduktion des Energieaufwands (primär für body actions, sekundär
für mental actions) motiviert Reduktion von PAC-Tokens zu PAC-Types über
prälinguistische Bewegungsschemata
•
Schemata basieren auf Zugänglichkeit der Umwelt: Kognition schätzt
Eigenbewegung in Relation zu Fremdbewegung ein (EnergieHypothese, FORCE). Höherer Aufwand an Eigenenergie konstruiert Objekt
als
o
o
o
o
o
•
unzugänglicher
entfernter
beweglicher
stärker
spezifischer (zusätzlicher kognitiver Akt)
Schemata aus PAC motivieren Lokalisierungsschemata:
Entfernung = Bewegung • Energie
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Ansatz 3: Umwelt gestaltet sich in Kognition
• Individuum schematisiert seine Zugangsart zur Welt in dem Maße,
wie sich die Welt schematisiert zeigt.
• Objekt bestimmt durch seine Gestalt Zugangsart zu ihm, z.B.:
o
o
Kugel = rundend/drehend
Linie = fortschreitend/fortsehend
• Umgekehrt bestimmt Zugangsart die Erfahrbarkeit der Gestalt, z.B.:
o
o
o
o
aufwärts (mehr Energie) > OBEN
abwärts (weniger Energie) > UNTEN
langsame Bewegung um Objekt > GROSS
schnelle Bewegung um Objekt > KLEIN
• Abgleich von Objekten in varianter Perspektive/Motion führt zu
Hypothesen über stabile Gestalt > Welt bildet stabilen ground für
das Individuum (figure), das sich in ihr mit Hilfe von PAC bewegt
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Ansatz 4: Erfahrung und Neurophysiologie
• Welterfahrung ist entscheidend durch Physiologie der
Wahrnehmung geprägt, die selektiert, extrahiert und interpretiert.
Beispiele:
• Stereopsie basiert u.a. auf binokularer Disparität: Die meisten
Punkte werden im linken und rechten Auge auf nichtkorrespondierende Punkte der Netzhaut abgebildet. Je näher ein
Objekt ist, desto stärker unterscheiden sich die Positionen dieser
Punkte, woraus eine Distanzhypothese aufgestellt werden kann.
• Albedo-Hypothese/Helligkeitskonstanz: Albedo (in der
Wahrnehmung: Helligkeit eines Objekts) = Anteil von reflektiertem
an einfallendem Licht. Helligkeit wird gleichmäßig konstruiert, auch
wenn die anderen beiden Faktoren variieren.
• Interposition: Nahe Objekte tendieren dazu, ferne Objekte zu
überlappen. > Figure-Ground-Wahrnehmung
• Elevation: Je näher am Horizont ein Objekt gesehen wird, als desto
ferner wird es konstruiert.
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Ansatz 4: Erfahrung und Neurophysiologie
• Stroboskopische Bewegung: Zwischen aufeinander
folgenden Zuständen wird Bewegung konstruiert
• Phi-Phänomen: Das Wechsellicht zweier Lichtquellen wird
als Lichtbewegung zwischen Punkten konstruiert
• Motion parallax: Sich bewegende Objekte werden als
schneller wahrgenommen, wenn sie sich nahe beim Seher
befinden
• Vektion: Fremdbewegung wird als Eigenbewegung
interpretiert, wenn kein dritter Fixpunkt vorhanden ist
• Autokinetischer Effekt: Kleiner Lichtpunkt im dunklen Raum
wird als sich bewegend wahrgenommen
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Ansatz 4: Erfahrung und Neurophysiologie
• Invarianz:
o
o
o
o
Size-Distance Invariance Hypothesis: Größe der
retinalen Abbildung eines Objekts steht in Relation
zur Distanz: Je kleiner die Abbildung, desto größer
die Distanz.
Size Constancy: Größe eines Objekts wird gleich
konstruiert, auch wenn sich die Größe der retinalen
Abbildung ändert
Shape-Slant Invariance Hypothesis: Form und
Flächigkeit in Bewegung finden Abbildung auf Retina
Shape Constancy: Form eines Objekts wird gleich
konstruiert, auch wenn sich die Größe der retinalen
Abbildung ändert
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Ansatz 4: Erfahrung und Neurophysiologie
• Herkunft von Schemata:
• Sensorische Architektur konfiguriert primäre
Distanz- und Konstanzhypothesen:
o
o
Distanz (< dī-stāre) ‚Auseinanderstehen’
Konstanz (< cōn-stāre) ‚Zusammenstehen’
• Basale Schemata sind ikonische Reaktionen auf
Dynamik der sensorischen Architektur, z.B. im
visuellen Bereich:
o
o
o
Entfernung = binokulare Disparität, motion parallax
Figure-Ground = Interposition
Vertikalität = Elevation
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Synthese: Schemata
• Schemata sind komplexe Reaktionsmuster, die
aus der strukturellen Kopplung der Architektur
von Speicher, Motorik (PAC) und Sensorik
entstehen.
• Die drei Bereiche sind von unterschiedlicher
Wichtigkeit für verschiedene Schemata, d.h. es
existieren:
o
o
o
primär wissensbasierte Schemata
primär motorisch basierte Schemata
primär sensorisch (z.B. visuell) basierte Schemata
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Synthese: Schemata
• Verfahren der Bildung primärer Schemata:
o
o
o
ikonisch (PAC, Sensorik)
pseudosymbolisch (imitativ)
profilierend (gestaltend)
• Gestalt ist nicht Eigenschaft von Objekten,
sondern Ergebnis der Interaktion mit ihnen
• Interaktion unter Zugriff auf primäre Schemata
profiliert Objekte
• Aus Profilierungsroutinen entstehen sekundäre
(Gestalt-)Schemata
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Synthese: Schemata
• Schema-Überblendung: Schemata können miteinander interagieren,
um neuere (auch komplexere) Schemata zu erzeugen
• Durch Überblendung Steigerung der Varianz in der Interaktion mit
der Umwelt
• Beispiel: Interposition + Distanz > Figure-Ground,
daraus Charakteristik:
Ground:
hinten
unbeweglich
massenartig
unbegrenzt
groß
Figure:
vorne
beweglich
individuiert
begrenzt
klein
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Synthese: Schemata
• Metaphorisierung von Schemata: Aktivierung
eines Verarbeitungsmodus auf Grundlage einer
Ähnlichkeitshypothese
• Beispiele (SD > TD):
o
o
o
o
o
o
o
o
Raum > Zeitraum
PAC > Kraft
Bewegung in Zeit (PAC) > Prozess
Prozess + Varianz > Relation
Autokinetischer Effekt > Eigendynamik
Eigendynamik/Figure > Singularität
Ground > Eigenschaft
F/G > C/E
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Synthese: Invarianz der Metapher
•
Lakoff, G. 1993: „The contemporary theory of metaphor”. In: Andrew Ortony
(ed.). Metaphor and Thought, 202-251. Cambridge: CUP (hier p.215):
„Metaphorical mappings preserve the cognitive topology (that is, the imageschema structure) of the source domain consistent with the inherent
structures of the target domain.“
•
•
> These der Invarianz in Metaphern. Beachte Zusammenhang zu
Invarianzen der Wahrnehmung (size-distance und shape-slant invariance
hypothesis mit Ableitungen)!
Schemata legen bei Metaphorisierung ihre Grundfunktion nicht ab: Diese
bleibt stets zu einem gewissen Grad in der TD erhalten. Zeit ist also immer
auch Ort, Prozess immer auch Bewegung etc.
229: „Abstract reasoning is a special case of image-based reasoning“
> Basale Schemata sind auch in abstraktem Denken präsent. Annahme,
daß ganze Wissensstrukturen bei Metaphorisierungen übertragen werden.
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Synthese: Selbstähnlichkeit
• Grundlage der Invarianz-Hypothese: Selbstähnlichkeit
• Selbstähnlichkeit beruht letztlich auf einer Art
Spiegelung: Konstruktion eines Eingangsreizes erhält
ihre kognitive Gestalt durch die Imitation eines ähnlichen
Ereignisses aus dem Gedächtnis
• Verbindung zur Fraktalgeometrie (Mandelbrot-Mengen):
Wenn die grobe Struktur eines komplexen Systems
bekannt ist, ähnelt ihr die Feinstruktur (vgl. Mandelbrot
1982 „The Fractal Geometry of Nature“)
• Verbindung zu Markov-Ketten: Sprachliche Reaktion auf
Umweltreiz basiert zum einen auf Gedächtnisanteil, zum
anderen auf Zufallsanteil (aktuell/situativ). Inflation des
Gedächtnisanteils ergibt Repräsentation des aktuellen
Reizes
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Synthese: Fraktale
Sierpinski-Dreieck
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Synthese: Fraktale
Mandelbrot-Menge
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Synthese: Fraktale
Drachenkurve
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Synthese: Inflation/Deflation bei Metapher
• Inflation ist Mittel für Metaphorisierung; erfolgt
unter dem Prinzip der Selbstähnlichkeit
(niedrigere Ebene + X = höhere Ebene)
• Deflation ist Mittel für Reduktion komplexer
Erfahrung
• Beispiel: Deutsch da: LOC > TEMP > CAUS:
o
o
LOC wird über Inflation zu TEMP/CAUS
metaphorisiert
TEMP/CAUS enthalten Spuren ihrer Vorgänger, die
über Deflation sichtbar werden
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Synthese: Inflation/Deflation bei Metapher
CAUS
TEMP
LOC
Da ist der Bahnhof.
Da lachte sie.
Da er krank war, …
Deflation
Inflation
Schnittstelle Umwelt <> Kognition
Synthese: Inflation/Deflation in Perzeption
urμ + X
urμ
Umweltreiz aus
Gedächtnis infliert
zu aktuellem Reiz
urμ + X
urμ
Vergrößerung von X
> Verringerung der
Selbstähnlichkeit
urμ + X
urμ
zunehmende Idiosynkrasie
> Ausblendung von URμ,
„kühne Metapher“
Zusammenfassung:
Schemata und Metaphorisierung
• 1. Kognition interagiert mit Umwelt über Schematisierung
von Umwelterfahrungen.
o
o
1.1 Erst die Konzeptualisierung der Ergebnisse von solchen
Interaktionen führt zur Ausbildung von Schemata.
1.2 Schematisierung geht damit den Schemata voraus.
• 2. Schematisierung setzt zwei Komponenten voraus:
o
o
2.1 Gedächtnis-Komponente. Ohne Rekurs aufs Gedächtnis
(‚Speicher-Hypothese‘) kann die Außenwelt nicht als Umwelt
erfahren werden, womit auch Interaktion unmöglich wird.
2.2 Unmittelbare Komponente. Das Gedächtnis interagiert in
einem unmittelbaren Prozess mit einem Umweltreiz.
Zusammenfassung:
Schemata und Metaphorisierung
• 3. Schematische Interaktion mit Umwelt basiert u.a. auf:
o
o
o
o
o
o
Architektur der Sensorik und deren Habitualisierung
Inbeziehungsetzung von neuronalem Code und Typ der
sensorischen Aktivität, mit Abbildung der Beziehung auf UR
motorischem Zugang zu UR (> basale Gestalthypothesen)
Bewegungs-/Energie-Hypothesen zur Zugänglichkeit von UR
Hypothesen zur Eigen-schaft (counter force) von UR
Short-Cut-Prinzip: Interpretation der Gestalt von UR unter Zugriff
auf bereits gemachte bzw. disponierte Gestalterfahrungen
(>
embodiment)
• 4. Gestalt = Schematisierung des Prozesses der
Interaktion von Kognition und Umwelt
(> Gestaltschemata)
Zusammenfassung:
Schemata und Metaphorisierung
•
5. Dynamische Schemata wie auch Gestaltschemata unterliegen der
Dialektik von Invarianz und Varianz.
o
o
o
o
o
o
5.1 Schemata sind in ihrer basalsten Form imitative, d.h. ikonische Verfahren
5.2 In jeder schematischen Interaktion beeinflussen sich URμ und UR
gegenseitig: URμ wird akkommodiert, UR assimiliert
5.3 Primäre Metaphorisierung von Schemata hat ihren Ursprung in der Dialektik
von Akkommodation und Assimilation (Gegenwart als Metapher der
Vergangenheit)
5.4 Sekundäre Metaphorisierung tritt auf, wenn ein Schema einen UR erfasst,
der bislang über andere Schemata, schwach oder gar nicht erfasst war
5.5 Primäre wie sekundäre Metaphorisierung beinhalten Projektion von
Eigenschaften der SD auf TD (Invarianz, Selbstähnlichkeit). Zu jedem über ein
metaphorisiertes Schema erfassten UR werden somit zugleich Eigenschaftshypothesen aufgestellt, die auf der SD dieses Schemas basieren.
5.6 Varianz findet sich in
Gestaltung basaler Schemata
Blending basaler Schemata
Aktivierungsgrad von Source-Schemata in der Metaphorisierung
‚Auflösungsgrad‘ von Umweltreizen qua Diärese
Zusammenfassung:
Schemata und Metaphorisierung
• 6. Konzeptualisierung = Speicherung eines
Erfahrungskomplexes als eigenständig verarbeitbare
Einheit. Schemata aller Art können in unterschiedlichem
Maße konzeptualisiert werden.
• 7. Konzeptualisierte Schemata werden indexikalisiert/
symbolisiert und ermöglichen so Versprachlichung der
Interaktion von Kognition und Umwelt.
o
o
7.1 Sprachliche Schemata emergieren aus allgemeinen
Schemata, die mit KoKo-Routinen gekoppelt sind. Sie können
eigenständig metaphorisiert und symbolisiert werden.
7.2 Sprachliche Schemata gestalten sekundär rekursiv den
schematischen Zugriff auf UR und damit die Umwelterfahrung.
Schemata und Sprache
• Ausgangsvermutung: Sprache verhält sich wie
schema-basierte Interaktion von Kognition und
Umwelt, ist also schematisch aufgebaut
• Sprache benötigt Konzepte, d.h. Schemata, die
durch wiederholte Aktivation (Engrammierung)
als eigenständige Größe interpretiert werden
• Schema-Repräsentation basiert auf graduellem
Symbolisierungsprozess
Schemata und Sprache
Engrammierung
• Grundlage: Hebb, Donald Olding [1904-1985] 1949: The
Organization of Behavior: A neuro-psychological theory.
New York: Wiley
„Groups of neurons which tend to fire together form a
cell-assembly whose activity can persist after the
triggering event and serves to represent it“ (in
Zusammenfassung durch Milner, P. M. (1986): „The mind
and Donald O. Hebb.” Scientific American 268, 124-129).
• Oder einfacher:
The neurons that fire together wire together“
(Hebb 1949:7)
Schemata und Sprache
Engrammierung
Schemata und Sprache
Symbolisierung
• Zellverband (cell-assembly) bildet URμ-Komplex dauerhaft ab und
ist damit primitive Form (‚neuronale Plastik‘) einer Repräsentation
• Voraussetzung: Kortex ist Konstruktionsergebnis bidirektionaler
‚plastischer‘ Prozesse (E. Bates):
o
o
Gene → Struktur
Erfahrung → Struktur
• Basis sprachlicher Schemata ist die Metaphorisierung
schematischer Strukturen
• Diese werden zunächst strukturnah (ikonisch) konstruiert
• Je stärker die Bahnung, desto eher kann es später zu
Symbolisierung kommen: Ein auf Konzeptualisierung beruhendes
kognitives Ereignis wird als von seiner Struktur unabhängiges
Informationssegment interpretiert.
• Sobald Zellverband den motorischen Bereich der Artikulation
integriert, entsteht eine artikulierte Repräsentation
Schemata und Sprache
Zugriff auf Schematisierungsverfahren (linguistic profiling)
•
•
Schematisierungsverfahren können strukturell oder substantiell
repräsentiert werden.
Strukturell: Abbildung des Verfahrens analog zur Struktur des Schemas.
Beispiele:
o
o
o
o
•
Substantiell: Abbildung des Verfahrens unter teilweisem oder
durchgängigem Zugriff auf metaphorisch gewonnene konzeptuelle
Analogien. Beispiele:
o
o
o
•
Relationalität
Bewegung (trotz Zenons Paradoxon > stroboskopische Bewegung)
Distanz
daraus inferierte Eigenschaften von 
Nähe/Ferne
Anfang/Ende
Veränderung (> Prozess)
Transformationen:
o
o
Strukturelle Beziehung kann in substantielle transformiert werden
Substantiell repräsentierte Schemastruktur kann in strukturelle Repräsentation
transformiert werden
Schemata und Sprache
Abbildungsarten
abnehmende Invarianz
• Bei der Abbildung von Schematisierungsverfahren kann
deren Struktur in unterschiedlichem Ausmaß erhalten
bleiben:
Grundmuster
X → Y
I
vollständiger Strukturerhalt
X’ →’ Y’
IIa
teilweiser Strukturerhalt
[X→]’ Y
IIb
teilweiser Strukturerhalt
X [→Y]’
III
Strukturüberlagerung
[X→Y]’
Schemata und Sprache
Sprachliche Auflösung
•
•
•
•
•
Für Abbildung mit Strukturerhalt müssen die Strukturkomponenten für
eigenständige Konzeptualisierung zugänglich, d.h. symbolisiert sein
Folge: Sprachliche Auflösung schematischer Strukturen setzt
Konzeptualisierungsbasis für mögliche Komponenten voraus (schwacher
Whorfismus)
Auflösungsgrad wird durch Parameter der Diärese und primäre
Gestalteigenschaften der Schemata bestimmt und ist selbst ein Parameter
für Varianz
Auflösung und Gestaltgewinnung können rekursiv aufeinander folgen:
X → Y > X’ [→Y]’ > X’ → Y’
Konzeptualisierung eines komplexen Schemas kann
o
o
o
auf primärer Auflösung beruhen
auf sekundärer Auflösung beruhen, wobei auf adäquate strukturelle/substantielle
Repräsentationen zugegriffen wird (Export)
durch sekundäre Verschmelzung aufgelöster komplexer Schemata erfolgen
(Import)
Schemata und Sprache
• Zwei Arten der Beziehung zwischen Schemata und
sprachlichen Segmenten, die deren Metaphorisierung
repräsentieren:
o
o
Invarianz: Segment bildet vollständigen Skopus der
Metaphorisierung einschließlich der schema-internen Varianz ab
Varianz: Segment beschränkt sich in der Abbildung auf (basalen
oder higher level) Source-Bereich eines Schemas bzw. ist durch
diesen motiviert. Gilt analog für metaphorische Ebene.
• Variante Segmente verfügen über eigenständiges
Metaphorisierungspotential, das durch nichtschematische Aspekte sprachlicher Praxis bzw.
sprachlichen Wissens motiviert ist
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Kognitive Typologie